Wanderung Bergalga - Val Roda - Duan - Soglio

Aus «Grenzland Bergell» von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht Rotpunktverlag, Zürich 2003

Bergalgapass 4.00 h
Pass da la Duana 5.00 h
Soglio 8.00 h

Am Morgen sehen wir vom Zimmerbalkon aus das lang gezogene Bergalgatal, im Talschluss das Schneefeld des Passes und darüber den runden Vorgipfel des Piz dal Märc. Und links davon die helle Passage des Gletscherhorns. Eine Frauengruppe, beneidenswert fit und munter auch die älteren Semester, ist bereits vor sechs Uhr aufgebrochen. Wir frühstücken in ferienmässiger Gemütlichkeit. Das Schneefeld unterm Passeinschnitt kann gefroren unangenehm sein, wir lassen ihm gerne etwas «Aufweichzeit». Um acht Uhr ziehen auch wir los, zuerst auf der Strasse aufwärts und dann vor Podestatsch Hus auf dem kleinen Fussweg zum Taleingang hinunter. Die erste Stunde ist man auf dem Murmeltierlehrpfad und erfährt, was man schon immer über die Winterschläfer wissen wollte (www.murmeltier.ch).

Auf Olta Stofel sind Getränke zu haben. Nun beginnt der Weg zu steigen, im Grashang gelegentlich improvisiert über abgerutschte Passagen. Dann ziehen wir langsam über eine schöne Weide-Hochebene hoch, bis Wyssberg (rechts) und Gletscherhorn (links) näher rücken und das ehemalige Gletschergelände kahl und schiefrig wird. In der Schlusspassage, dem Schneefeld, hält man nach links.

Quer zum Bergalgapass liegt wenige Minuten tiefer der Pass da Val Roda (in der Landeskarte namenlos). Wir lieben diese Mondlandschaft, die vor gut hundert Jahren noch unter einem Gletscher lag. An heissen Hochsommertagen ist ein Bad in einem der Seelein zwischen den Felsen ein Labsal. - Von hier aus liesse sich in einem knapp einstündigen Abstecher Punkt 2947 besteigen (ein Meter tiefer als der Märc-Hauptgipfel).

Wir steigen zum grossen Felsen im oberen Val da la Duana ab - dem Abzweigpunkt zum Pass da la Duana. Die Dramaturgie ist perfekt. Man hält den Atem an, wenn auf ein Mal die gewaltige Kulisse der Bergeller Berge vor einem aufsteigt. Oft genug ist es auch bloss der Nebel. Weil man das Risiko kennt, freut man sich umso mehr an der freien Sicht.

Vor uns liegt ein happiger Abstieg, ein gutes Training für die folgenden Tage. Bis vor einem Jahrhundert wurden die Madrisalpen Sovrana und Preda über den Duanpass (und über den benachbarten Prasignola) bestossen. Immer wieder finden sich ein paar verlorene Treppenstufen. Das Gras steht hoch, die Weiden hier oben werden nicht mehr genutzt. Im aufgegebenen Maiensäss Cadrin stossen wir auf den Höhenweg, der vom Val da Cam her kommt.

Auf keiner andern Wanderung ist der Wandel der Landwirtschaft so greifbar wie auf diesem Abstieg. In seiner Lizentiatsarbeit über die Kulturlandschaft von Guarda und Soglio hat der Geograf Urs Frey, der heute als Filmemacher in Soglio lebt, diesen Wandel 1994 sorgfältig dokumentiert. In Soglio sei die Landwirtschaft «geradezu zusammengebrochen», lautet seine Bilanz. Vier Fünftel der einstigen Landwirtschaftsfläche wurden aufgegeben. Innert einer einzigen Generation schrumpfte die Futterbaufläche (Wiesen und Weiden) von über 500 auf 50 Hektaren. Heute konzentriert sich die Landwirtschaft auf die besten Flächen rund ums Dorf, die allermeisten Wiesen auf den Monti (Maiensässe) werden nicht mehr gemäht (siehe die nebenstehende Karte). Die Flächen verbuschen und werden vom Wald zurückerobert.

Wir steigen von Maiensäss zu Maiensäss ab. Mal sind die Hütten dachlos in sich zusammengefallen, mal sind sie zu einfachen Jägerhütten oder Feriendomizilen geworden. Auf Plän Vest herrscht Betrieb, Weidezäune werden abgesteckt, der Plattenweg im Wald von Holz gesäubert. In Tombal weiden ein paar Rinder - ein wahres Schmuckstück: wie aus dem Bilderbuch die sonnengedunkelten Häuser mit den kleinen Fenstern, saftig grün der gepflegte Wiesenrücken, fantastisch die Aussicht ins Bondascagebiet hinüber. In Tombal werden wieder rund zehn Hektaren Wiesen regelmässig gemäht; deutlich mehr als vor einem Jahrzehnt. Das Heu wird im Winter vor Ort ausgefüttert.

Vorne an der Geländekante liegen plötzlich die Steindächer von Soglio unter uns. Lassen wir uns nicht täuschen. Bis wir unten sind, steigen unsere Beine nochmals eine Stunde ab. Verlobungsringe sollen hier schon in die Büsche geflogen sein, Beziehungen angesichts des harten Wanderlebens brüchig werden. Eine Stunde Eiszeit lässt sich verschmerzen. In Soglio werden die Blessuren schnell heilen.