aus «Das Hochtal Avers» von J.R. Stoffel
Zofingen 1938

«31. Heüw Versazung mit pacten, anders dan es alle Jahr geloget oder gewäret wird soll gants und gar in Ewigkeit verbotten und abgeschlagen sein bey buos jede burdy ein Cronen der da gibt und nimbt.
32. Wer Heüw kauft und Zuher gefürt hete und am Langse oder frühling widerumb verkaufte soll nichts darauf schlagen oder gewinen Mögen, bey buos jede burde Zwölf bazen.
33. Welcher am langse oder frühling Heüw hete, und nit Manglet für sich selbst, andere aber Mangelbar wärent; solle er schuldig sein, solches den Mangelbahren umb das baargelt auszu theillen, die burde nach meiner Herren sazung; wo aber solcher nit Thäte, Mögend meine Herren solches angreifen und umb das baargelt austheilen wo noth ist.»

Die vorstehenden drei Artikel aus dem Averser Landbuch von 1622 lassen deutlich erkennen, welche Bedeutung der Heunot in dem abgeschlossenen Aversertal früher zukam. Nicht umsonst wurde diese Sache damals so «stif und fest» geregelt. Heunot trat ein, wenn die Ernte nicht reichlich, wenn das Heu nicht ergiebig war und der Frühling lange auf sich warten liess. So erinnere ich mich noch an ein Erlebnis aus meiner Jugendzeit. Es war zu Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Der vorausgegangene Winter war ganz ausserordentlich kalt gewesen, so dass auch der Zürichsee zufror, was mein Vater aus der Zeitung gelesen hatte; denn eine solche fand schon damals den Weg von Chur aus ins abgelegene Aversertal. Selbst in Avers hatte es den ganzen Winter hindurch nur wenig Schnee gegeben. Dieser wurde durch den heftigen Nordwind noch verblasen, so dass die erhöht gelegenen Wiesenteile fortwährend schneefrei blieben. Dadurch wurde das Wurzelwerk an allen diesen vielen Stellen so sehr ausgefroren, dass es dort im Sommer nur wenig Gras gab. Die Folge davon war eine geringe Heuernte im ganzen Tal. Die Viehbestände waren aber da und konnten nicht gut weiter reduziert werden. Auch zählte man darauf, das Heu werde recht ergiebig sein. Mein Vater hatte im Herbst schon mehr Tiere verkauft, als gewöhnlich. Immerhin blieben uns noch 15 Stück Grossvieh, zehn Schafe und ebensoviele Ziegen. Die Heustöcke waren aber nicht ergiebig und schwanden bedenklich. Unsere Nachbarn standen nicht besser als wir. Mein Vater hatte schon im Winter angefangen, sparsamer zu füttern, als gewöhnlich. Ordentlich viel Schnee gab es diesen Winter und der Frühling war, ach, noch so fern! Bange Sorgen bemächtigten sich der Bevölkerung in der ganzen Gemeinde, denn eine allgemeine Heunot war kein Spass in diesem entlegenen, abgeschlossenen Tal, wo man von keiner Seite her Heu bekommen konnte. Die Tiere durfte man nicht zugrunde gehen lassen. Der Erlös aus denselben war ja die einzige Einnahme an Geld. Sobald es nur möglich war, im März schon, als der Schnee hoch oben an den steilen, nach Süden gekehrten sonnigen Hängen etwas gewichen war, begaben sich die Männer dort hinauf, um «Faxa» zu holen. «Faxa", was ist denn das? frägst Du, lieber Leser. Nun, das ist das dürre, unter dem Schnee überwinterte Gras, welches dort oben an jenen steilen Hängen weder gemäht noch abgeweidet wird.

Da nimmt der Averser den grossen «Gapatsch» (Tragkorb), versehen mit einem Lederseil, auf den Rücken, die Sense ohne «Worb", den Wetzkübel, die Fusseisen und einen Rechen mit kurzem Stiel zur Hand. So ausgerüstet, steigt er hinan, um das dürre Gras abzumähen und heimzutragen. Das ist aber ein eigenartiges Mähen ohne «Worb". Mit der rechten Hand fasst man die «Hamma» und mit der linken die Spitze der Sense, und so schneidet man Büschel um Büschel des dürren Grases herunter, halbwegs auf den Knien immer höher steigend und die Fusseisen fest in den steilen, oft glatten Abhang setzend. Der Gapatsch wird gefüllt, dann noch drei oder vier «Rächawüsch» mit dem Seil darauf gebunden und die «Ledi» ist fertig. Dann folgt der schwierigste und oft gefährlichste Akt, nämlich das Heimtragen der Ledi, mitunter durch steile, unwegsame Hänge.

Die Bewohner des Innertales begaben sich in den «Tschäischa» hinein, die von Bach, Pürt und Cresta in die Abhänge hoch über den Wohnstätten, die von Platta und Cröt ins «Bergli", die von Campsut unter den «Fat» hinaus und wir in Madris in die Südhänge des tief eingeschnittenen Tobels, welches vom Bühlbach durchflossen wird, der seinen Anfang zwischen dein Gross- und Kleinhorn nimmt.

Im April wurde die Schule in Cresta nach einer Dauer von 24 Wochen geschlossen. Ich war damals zehn oder elf Jahre alt und durfte nun auch mit einer kleinen «Tschifera» (Tragkorb) auf dem Rücken meinen Vater begleiten, um «Faxa» zu holen, denn es schwindelte mir nicht auf hohem Fels im steilen Hang. Nicht weniger als 36 Tage lang hat mein Vater mit seiner Bärenkraft und Ausdauer in jenem Frühling «Faxä» geholt, zuletzt von der «Roten Wand» herunter, wohl 2400 m ü. M. Die «Faxä» wird mit gutem Heu vermischt und kann dann gefüttert werden. So war es uns möglich geworden, unsern Viehstand durchzubringen und die Tiere waren noch ordentlich gut genährt, als wir sie endlich auf apern Boden mit spärlicher Weide treiben konnten.

Verschiedene Familien mussten aber mit einem Teil ihres Viehstandes das Tal verlassen, «va Land zia", und soweit talabwärts gehen, bis sie Heu fanden, was mitunter erst in Thusis oder am Heinzenberg möglich war. Das gab Kosten und grosse Umstände.