oder bück dich nicht nach der Adlerfeder

von Kurt von Arb
Praden 2003

Kurz ist der Sommer, die Wärme, das Grün in den baumlosen Alpensteppen. Im Bereiche der Albedo* herrscht Windstille und Wärme. Während sich der einsame, von den Entbehrungen des Winters klapperdürre Adler an der Leber eines vom Schneebrett aus dem Leben gerissenen Steinbockes gütlich tut, wächst sich langsam, die Kraft der Albedos und die Intelligenz der Kutikulas** ausnutzend, die Soldanelle durch die Decke Altschnees empor. Sie ist die erste, die dich klein und feingliedrig anlacht, noch umgeben von einem wüsten Nichts. Violett ist die Farbe der Verkündigung der blühenden Weiden, violett die Herbstzeitlose als Botin des nahenden Schnees.

Zusammen mit Murmeltier, Alpenrose, Rausch- und Heidelbeere, Wacholder sind sie einst den Gletschern entkommen und bilden eine Lebensgemeinschaft im Schatten der Winde***, eine Mulden- und Höhlenkultur. Der auszehrende Wind, lautlos, da er sich an nichts reiben kann. Aufrecht steht das Murmeltier nur angesichts des Feindes. Sonst wühlt es in seiner Erde und heut wie der Bauer im Tale, lebt seinen fundamentalistischen Überlebenskampf in der Sicherheit seines Tora Bora. Seine Waffe: der subkutan wirkende Pfiff. Modeboutiken führt es keine, geht es doch schon im Pelz. Seine Anpassungsfähigkeit wird als etwas Niederes betrachtet.

Doch es ist die Königin des Erdreichs & der Dunkelheit. Seine Subversion kann ebenso subtil wie gewaltvoll sein. So konnte ich beobachten, wie Murmeltiere durch Unterhöhlung der Viehwege Kühe lebendig begraben und zum Verschwinden gebracht haben.

Im Zyklus der Jahreszeiten zieht es sich in Gemeinschaft seiner Artgenossen in den Schoss der Mutter Erde zurück, hier darf man ruhig so sagen, ohne einer rüden Esoterik angeklagt zu werden. Sein angefressenes Fett speichert die Wärme, es reduziert, vermutlich unter Zuhilfenahme östlicher Meditationstechniken, seinen Herzschlag auf das Mindeste, denn nun ist ihm nicht mehr nach Liebe zumute.

Hirte, richte dich nach dem Mungg, der Soldanelle, der Alpenrose, die da stehen, wuchern, denn kurz ist der Sommer und ohne Sünde, nah der ungastliche Winter. Ergötze dich am Meer der Alpenrosen, die leuchten, unter anderem weil sie giftig sind und deine Kuh, dein Rind, dein Kalb sie verschmähen. Deine Muhtiere sind in guter Gesellschaft, vegetarische Fluchttiere, einfach ein bisschen gross und schwer.

Du aber träumst davon, frei zu sein wie ein Adler. In der Kleinfamilie lebend, in apokalyptischer Höhe, in Gottesnähe. Vergiss die Schwindelfreien und ihre Ueberlebenskämpfe, den carnivorischen Adler und die sich in minimalen Felsvorsprüngen drängenden, Schutz vor den Polarwinden suchenden Steinböcke. Diese wiederangesiedelten, läppischen Wappentiere. Bedauernswert, zwischen Schneebrett und Hungertod, im Schneemeer auf einer apergeblasenen Kuppe weidend. Darüber der Adler, auf Unglück hoffend, endlos und hungrig kreisend. Der Adierblick, dem nichts entgeht, er gleicht dem Satelliten.

Halte dich an die Mulden- und Höhlenkultur, an jene, die seit dinosaurischen Zeiten in Gesellschaft von Heidekraut, Rauschbeere und Erika sich unter den bösen auslaugenden mongolischen Winden in ihrer eigenen massvollen Höhe gehalten haben. Bleibe bescheiden und richte dich nach den Erdgöttern, duck dich, lass den Kopf unten, nicht adlergleiche majestätische oder steinböckisch grazile Räusche erwarten dich. Denn du, Mensch, bist gleichzeitig Flucht- und Jagdtier, zerrissen von Widersprüchen.

Dem Wurm zum Beispiel hat der Mensch eine höhere, erkennbare und an der Erdoberfläche zu erledigende Arbeit zugeteilt, er dient dem Fischer als Köder, um seine Beute zu fangen. Und ohne Köder wäre der Fischer verloren. Sozusagen einsam. Also, ehre den Wurm, und die, die unter dem Boden leben, die Verwurzelten.

Und deshalb, Hirte, bedenke, wenn du im März oder April, wie es heute so Sitte ist, neben dem Alpmeister stehst, das Fernglas in der Hand, dein kommendes Reich betrachtend: Unter der Winterschneedecke lagern riesige Fleischvorräte in Form von Murmeltierfleisch, wenn du ganz ruhig bist, kannst du ihre Herzen in Eintracht schlagen hören. Murmeltier, ähnlich wie Kaninchen zubereitet, ist sehr wohl gut geniessbar. Beim Ausnehmen schneidest du das Fett und die Drüsen weg, allerdings werden die von deinem Hirtenhund erledigten Murmeltiere meist jung und unerfahren, nicht allzu fett sein. In der ersten Hälfte der Alpzeit sind sie verspielt und unvorsichtig. Du kannst das Fleisch in einer Marinade aus Rotwein, Sellerie Rüebli und Lauch, Wacholderbeeren, Pfeffer, Knoblauch, Thymian und etwas Balsamicoessig einlegen, vielleicht auch noch ein Lorbeerblatt und etwas Knoblauch. Eine Woche einlegen. Dann den Jus durch das Sieb lassen und das Fleisch trockentupfen, mehlen und kurz anbraten. Dann in der Marinade weichkochen. Die Sauce mit Wacholderschnaps abschmecken.

Dohlen sind cool, sie essen den Touristen die Pommes frites von den Tellern und machen kurze Ausflüge ins Dorf, sie teilen den Tisch mit dem Menschen. Clever, angepasst, sie haben sich organisiert, sie leben nicht schlecht. Gemeinschaftlich und monogam nomadisieren sie zwischen Klüften und Bergbahnterrassen, weichen auch vor Ketchup nicht zurück. Steck dir eine Dohlenfeder an den Hut. Trotzdem Vorsicht, man sagt ihnen nach, sie seien das Totenvolk, die Seelen der Unerlösten würden sich in diesen Vögeln einnisten. Ihre Schreie seien die Schreie Sterbender.

Bück dich nicht nach der Adierfeder. Da oben herrscht ein Jahrtausende alter Krieg zwischen den Bewohnern. Die Jagdtiere bekriegen die Fluchttiere. Der Adler schwebt gleich einem amerikanischen B-52 Bomber in hoher Flughöhe mit der einzigen Absicht zu töten. Er wird gerne als der König bezeichnet und mit Attributen wie majestätisch bezeichnet, nein eine Demokratie ist das nicht. Der Adler ist gross und oft alleine unterwegs, sehr beeindruckend für manch Menschlein, das da am Boden kriecht auf zwei Beinen, Befehlsempfänger, Lohnempfänger und Hängegleiter unter offenem Himmel.

Die Fluchttiere, das Murmeltier, die Gemse, die uns mit ihrer Angst so nahe stehen, von ihnen wenden wir uns ab, denn unangefochten und Täter sein, nicht Opfer, wie ein Adler sein, das möchten wir. Die Gemse beeindruckt uns noch ein bisschen durch ihre Schwindelfreiheit, der Mungg aber löst nur Unbehagen aus, weil er sich eingräbt und von dauernder Dunkelheit & Stille umgeben ist.

So herrscht unter Tieren in der freien Natur die nackte Gewalt, ja Faschismus. Die stärkere Art, die carnivorische, frisst die pflanzenfressende. Der Adler jagt den kräutersammelnden Mungg. Machoscheisse fällt vom Himmel.

Der Adler und der Fuchs lassen sich gegenseitig in Ruhe. Der Jäger frisst den Sammler. Das Jagdtier und das Fluchttier. Deine domestizierten Kühe sammeln Kräuter, mit dem Urgefühl der Angst, selber gefressen zu werden, sind sie Fluchttiere. Deshalb Hirte, pass auf.


* Albedo:
Rückstrahlungsvermögen einer nicht selbst leuchtenden Fläche auf die Licht einfällt, oder Rückstrahlungsgrad der Sonneinstrahlung durch die Erddobeffläche. Bei einer frischen Schneedecke werden zB. 85 % der Sonneinstrahlung reflektiert.

** Kutikula:
Die obere Schicht eines Pflanzenblattes heisst Kutikula und dient zum Schutz des Blattes vor starker Sonneinstrahlung und Austrocknung. Sie überzieht die äusseren Zellwande der Pflanze und enthält Wachseinlagerungen zum Schutze der Gewebe. Ähnliche Schutzmittel sind rote Pigmentierung und Haarschutz, zB. gegen Ultraviolettstrahlen. Leuchtende Blütenfarben wie bei unserer Soldanelle sind oft eine Folge vermehrter Farbstotffbildung bei hellem Licht, helfen ihr aber auch beim Durchstossen der Schneedecke, weil sie Wärme stärker refiektieren.

*** Winde.
Die Winageschwindigkeit nimmt mit der Höhe zu, sie verdrei- bis vervierfacht sich auf der Alp gegenüber Zürich oder Stuttgart. Der Wind hat auf die Pflanzen verschiedene, zum Teil recht einschneidende Wirkungen. Er kann Pflanzenteile mechanisch schädigen (ausreissen), Schnee verfrachten und so die Vegetationszeit verändern oder die Temperaturen. Jeder Wind hat seinen Namen und Charakter, kommt von irgendwo her und kehrt dorthin zurück. Wir kennen den Föhn als warmen, die Bise als kalten Wind Es gibt den "Ochsenpeitscher", er vermischt sich mit Hagelkörnern und zwingt entgegenkommendes Vieh, rückwärts zu gehen, indem er es an den Hörnern dreht. Es gibt die wahnsinnig-machenden oder angsteinflössenden Winde, die bei ihrem Erscheinen die Zahl der Selbstmorde und Verbrechen ansteigen lassen (Föhn, vente rocho, Tramontana).