Umweltfreundlich Logieren in der SchweizUmweltfreundlich Logieren in der Schweiz

Silvia Müller, Sabine Reichen
erschienen im Rotpunktverlag

In der vollständig überarbeiteten Ausgabe des 2000 erstmals erschienen Führers werden 45 Hotels in der ganzen Schweiz vorgestellt, darunter 13 neue Häuser - die Nachfrage nach «umweltfreundlichem Logieren» nimmt zu.

Auszug S. 166-173:

Hotel Bergalga: sympathisches Berghotel an fantastischer Lage weit hinten im Hochtal Avers

Im Frühsommer 2004 eröffnete die Genossenschaft Bergalga das ehemalige Hotel Alpina fast zuhinterst im Avers. Die einmalige Lage im weiten Hochtal macht das Hotel zu einem idealen Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen im Sommer oder Skitouren im Winter. In freundlicher, unkomplizierter Atmosphäre erholt man sich bei einem exzellentem Essen von den Anstrengungen. Das abgelegene Hotel bietet aber auch kulturelle Leckerbissen, für die sich die Anreise auf jeden Fall lohnt.

Anreise
Von Chur mit der Rhätischen Bahn oder dem Postauto nach Thusis. Dort mit dem Postauto weiter nach Andeer (einige Postautokurse fahren auch von Chur direkt nach Andeer). In Andeer ins Postauto nach Juf umsteigen und in ca. 50 Min. bis zur Haltestelle Avers, Hotel Bergalga, kurz vor Juf fahren. Das Hotel steht unübersehbar alleine direkt neben der Haltestelle.
Reisezeit: Chur-Bergalga 1 Std. 35 Min. bis 2 Std. 10 Min. (ein- bis zweimal umsteigen), 7 Verbindungen pro Tag. Gepäcktransport: bis Bergalga gewährleistet (Postauto fährt vor das Hotel).

Innenansichten
Das eher konventionell gebaute Hotel mit Interieur aus den 70er Jahren ist vor allem innen optisch nicht gerade ein Bijou. Es soll aber Schritt für Schritt renoviert und den Vorstellungen der Genossenschaft angepasst werden. Die grandiose Sicht auf das weite Hochtal Avers tröstet allemal über den braunen Blümchen-Novilon im Badezimmer hinweg! Die Zimmer sind hell, sonnig, teils mit Balkon, meist mit eigenem Bad oder Dusche/WC.
Der Esssaal dient auch als Aufenthaltsraum zum Spielen, Lesen und Schreiben.

Kulinarisches
Die Küche im Bergalga ist währschaft, immer stehen ein vegetarisches und ein Gericht mit Fleisch zur Auswahl. Das Fleisch kommt aus dem Tal, meist in Bioqualität. Biogemüse hingegen gelangt nur teilweise bis ins hintere Avers, da die Lieferung zu aufwändig ist.
Das Kaninchen nach ligurischer Art ist sehr zart und fein, die Polenta köchelt stundenlang - die vorzügliche Küche des Bergalga bietet kulinarisch einiges mehr, als sich ausgehungerte Wanderer gewohnt sind! Und nicht zuletzt ist auch das Weinsortiment reichhaltig und sorgfältig ausgewählt.
Vieles im Bergalga wird selbst gemacht; so auch die hervorragende Bündner Nusstorte, die sich auch gut als Stärkung für unterwegs eignet, und ein Teil des Brots, das zum Frühstück noch warm auf den Tisch kommt.

Extras
In loser Folge organisiert das Bergalga-Team erlesene, kulturelle Anlässe. Zum Beispiel war im Herbst 2004 Wiglaf Droste zu Gast. Man darf gespannt sein, welche kulturellen Ereignisse im Bergalga in den kommenden Jahren noch stattfinden werden!

Vor Ort
Sowohl im Winter als auch im Sommer bieten sich verschiedene Passübergänge an, um zu Fuss oder mit Skiern überquert zu werden. Anspruchsvolle 7 bis 8 Stunden dauert die wunderschöne Wanderung nach Soglio ins Bergell. In ca. 5 Stunden wandert man über die Flüaseen nach Mulegns oder in ca. 3 Stunden über den Stallerberg nach Bivio am Julierpass.
Eine etwas beschaulichere Sommerwanderung ist der Murmeltierpfad, der in Avers-Juppa, unweit vom Hotel Bergalga beginnt. Forschende der Uni Wien haben einen rund 3 km langen, informativen Lehrpfad mit viel Wissenswertem rund ums Murmeltier erstellt. Während man sich die Theorie auf den Tafeln zu Gemüte führt, pfeifen ringsherum die echten Tiere und lassen sich beim Wache halten oder Faulenzen auf den warmen Steinen beobachten.

Passgeschichten aus dem Avers
Das Postauto kurvt gemächlich die mehr als 1000 Höhenmeter von Andeer bis nach Juf hinauf. Mehr als 50 Minuten dauert die Fahrt, über tiefe Schluchten, vorbei an steilen Abhängen und lawinengefährdeten Taleinschnitten. Insgesamt 192 Menschen leben in den acht Dörfer und Weilern der Gemeinde Avers, die sich von Campsut auf 1670 m ü. M. bis Juf auf 2126 m ü. M. erstreckt. Das Leben in diesem isolierten Tal ist auch heute noch nicht einfach.
Wie beschwerlich es aber vor der Erschliessung durch die Kantonsstrasse von Andeer her war, kann man sich heute wohl kaum mehr vorstellen. Vor dessen Bau nach Avers-Cresta in den Jahren 1890 bis 1895 bestand zwischen dem Schams und Avers nur ein schlechter Saumweg. Lebensmittel und Vieh kauften und verkauften die Averser deshalb bis dahin weitgehend auf den Märkten in Oberitalien, im Bergell und im Engadin, wohin sie zu Fuss über die verschiedenen Passübergänge wie den Stallerberg, die Forcellina und den Madrisberg (Passo di Lago) gelangten.
Doch auch diese Wege waren weit und beschwerlich. So liegt die kleine italienische Stadt Chiavenna auf 330 m ü. M, die Passhöhe des Passo di Lago auf 2647 m ü. M. Eine normale Traglast oder «Ledi» betrug, sowohl für Männer als auch für Frauen, 43 Kilogramm. Damit galt es von Chiavenna aus die gut 2300 Höhenmeter zu überwinden. Diese Einkaufstour wurde von den Averser Einwohnern sowohl im Sommer als auch im Winter regelmässig durchgeführt und dauerte hin und zurück 3 Tage. Während Jahrhunderten erfolgte dieser Warenverkehr zwischen Italien und der Schweiz uneingeschränkt, bis 1848 die «Einkäufe» der Averser aus Italien zollpflichtig wurden. Da es aber im Avers keine Möglichkeit gab, die Waren legal zu verzollen, wurde deren Einfuhr von einem Tag auf den anderen zu Schmuggel. Ein Landjäger wurde ins Avers geschickt, um den Handel zu stoppen. Dies führte natürlich zu grossem Unmut in der Bevölkerung. Der Landjäger und die Schmuggler lieferten sich in der Folge waghalsige Verfolgungsjagden und versuchten, sich gegenseitig auszutricksen. Und wahrscheinlich wäre es früher oder später gar zu Blutvergiessen gekommen, wäre nicht endlich dem Begehren der Averser nach einem eigenen Zollhaus nachgegeben worden. So konnten sie nun die italienische Ware legal einführen. Der Schmuggel in die Schweiz war damit zwar bestimmt nicht aus der Welt geschafft, reduzierte sich aber doch deutlich.
Der Schmuggel aus der Schweiz nach Italien hingegen blühte nach wie vor. Auf der italienischen Seite hatten die «Guardi» - oft bergunerfahrene Südländer in von weither sichtbaren Uniformen - die Grenze zu über wachen. Die Einheimischen machten sich einen Sport daraus, jene an der Nase herumzuführen. Begehrtes Schrnuggelgut war zum Beispiel weisses Salz, das sich zum Käsen viel besser eignete als das gräuliche Meersalz, das in Italien erhältlich war. Auch Tabak oder Zucker wurden in jener Zeit über die Grenze geschafft. Nicht nur die Handelsrouten führten über Pässe. Die Bergeller Gemeinde Soglio besass im Avers viele Alpen, und das Vieh musste zuerst entweder über den Prasignolapass oder über den Duanpass ins Avers getrieben werden. Beim Prasignolapass führte der Weg eine steile Steintreppe mit 177 Stufen hinab. Diese Stufen mussten jeweils beim Alpaufzug mühsam vom Schnee freigeschaufelt werden. Vom Fusse der Treppe abwärts bis in die Talmulde ging es dann schneller: Drei Männer packten die Kühe an Schwanz, Hörnern und Beinen und warfen sie in den Schnee. So «schlittelten» sie mit den wehrlosen Tieren den Schneehang hinunter, wo diese unversehrt ihren Weg fortsetzen konnten. Der Schmuggel über den Madriserberg gehört ebenso der Vergangenheit an wie die Bewirtschaftung der Averser Alpen von Soglio her. Bei einer Wanderung vom Avers über den Prasignolapass lässt sich die Vergangenheit aber eindrücklich nachempfinden.